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Pädagogische Grundannahmen des "Mildaer Modells"

Die Eltern der Oberstufeninitiative strebten eine Schule an, in der ihr Kind bereits mit dem Besuch der Grundschule in einen offenen, handlungsorientierten und lebenslangen Bildungsprozess eintritt, der gleichwohl auf der Basis positiver Selbstwirksamkeitserfahrungen die Option eröffnet, in einem vertrauten sozialen Umfeld einer dreijährigen Oberstufe erfolgreich zu begegnen. Gemeinsam übernahmen Lehrer und Eltern die Verantwortung für die konzeptionelle Erweiterung unserer Schule, deren zentraler Aspekt die Arbeit nach reformpädagogischen Erkenntnissen und Erfahrungen ist. Formbildende Kraft gewinnt dabei die Grundwahrheit unserer conditio humana, dass in jedem Kind eine lebendige Fülle kreativer Potentiale vorhanden sind, die im Sinne wahrhaftiger pädagogisch - dialogischer Begegnungen aktiviert und gefördert werden können. Im Mittelpunkt stehen Selbstständigkeit und individuelle Lernrhythmen der Kinder und Jugendlichen. Dafür ist eine entspannte Lernatmosphäre Voraussetzung, die nicht durch zeitloses Hetzen von Kursstunde zu Kursstunde mit ständig neuen Themenumbrüchen und kurzatmigen Motivationsschüben geprägt sein darf! Durch eine ganztägige Begleitung unserer Schüler mit entsprechenden Wechseln von Anspannung und Entspannung ist der „gedehnte“ Tag rhythmisiert und den Lernbedürfnissen sowie den altersgemäßen Spiel-, Bewegungs- und Ruhebedürfnissen angepasst.

Die Notwendigkeit von selbsterfahrendem und selbstbeurteilendem Lernen ergibt sich aus den Veränderungen, denen unsere Gesellschaft unterworfen ist. In immer stärkerem Maße wird Flexibilität im Erwerbs- und Berufsleben gefordert, während früher eher ein kontinuierlicher Lebensweg - Schule, Ausbildung, Berufsausübung bis zur Rente - zu erwarten war. Für das „Leben lernen“ bedeutet immer weniger das Einpauken von Fakten des so genannten Allgemeinwissens, sondern vielmehr das Lernen zu lernen, fähig zu werden, sich auf neue Situationen einzustellen, soziale Kompetenzen zu erwerben, selbstständig Probleme zu erkennen, sie zu analysieren und Lösungen zu suchen, aber auch in Gruppen arbeiten zu können, teamfähig zu sein.

Der Projektunterricht verkörpert in diesem Sinne eine Antwort und Reaktion auf sich immer rascher wandelnde gesellschaftliche Verhältnisse. Im Amerika John Deweys bedeutete dies nach 1900 u.a.: Sprunghafter Anstieg der Industrialisierung, Massenproduktion versus Pauperismus, eine Welle von „Fremden“ im Land, die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Integration von Migranten, latenter Zerfall traditioneller Lebensmuster, „Gegenwartsschrumpfung“ (Lübbe) – (greifbare gesellschaftliche Grundströmungen zu unserer heutigen Wirklichkeit!). Wirksame Erziehung konnte und kann nicht mehr mit existentieller Sicherheit aus den alten tradierten Quellen formbildende Kräfte für vorausbestimmbare Lebensverhältnisse schöpfen, denn „die Zukunft ist unbekannt“, so der Dewey-Schüler Kilpatrick (1928). Die junge Generation heute begegnet nach unseren Erfahrungen vermehrt Grenzsituationen, in denen sie lernen muss, Probleme im Moment ihres Entstehens aufzugreifen und originäre Lösungsansätze zu entfalten. Diese gesellschaftliche Ebene des Projektgedankens trägt die Grundüberzeugung unseres Schulmodels, dass Projektunterricht keine Mode-Masche ist, sondern auf sehr lebendige Weise verwoben ist mit den gesellschaftlichen Herausforderungen unsere Zeit. Hier tritt das Merkmal der „gesellschaftlichen Praxisrelevanz“ (Gudjons 2001, 83 ff) von Projektarbeit deutlich hervor.

Ein tagespolitisch - latentes Problem unserer Gesellschaft sind leider auch Gewalt und Drogenmissbrauch. Diese Erscheinungen sind u. a. ein Ausdruck des Nichtzurechtkommens mit der Welt und mangelnder Ich-Stärke. Es gilt, Kinder zu ermutigen, sie Erfolge ihrer einmaligen und individuell – personhaften Wirksamkeit erleben zu lassen. Das Kind muss um seiner selbst Willen angenommen und nicht auf seine Leistung reduziert werden. Das Unterrichtsgeschehen kann nicht nur aus einer Vermittlung von „toten“ Fakten auf „Vorrat“ bestehen, sondern muss vor allem Erfahrungen des eigenen Wirkens zum Erkennen der Welt und Erfahrungen mit Möglichkeiten der Gestaltung dieser Welt bieten. Regeln für das Leben in der Gruppe, Schaffen von Veränderungen innerhalb und außerhalb der Schule u.a. sollen von den Kindern selbst erarbeitet und gelebt werden. Die Annahme sowie die Be- und Verarbeitung von Kritik an eigener Arbeit müssen geübt werden.

Als weitere Ursache beobachten wir eine immer stärkere „Verinselung“ (auch mediale Verpuppung) der Kinderöffentlichkeit außerhalb der Schulwirklichkeit in Folge einer erodierenden Zahl von Freizeitangeboten, bei denen sich nachhaltige und stabile Beziehungen zwischen den jungen Menschen ereignen könnten. Eine Ganztagsschule mit verlässlichen Ritualen, Refugien und demokratischen Formen der Partizipation, die virulent den Unterricht durchdringen, die Lernangebote in einem selbst gesetzten Zeitrahmen sowie vielfältige Anregungen zur Freizeitgestaltung bietet, wirkt in gelingender Kooperation mit verantwortungsbewussten Elternhäusern dieser Entwicklung entgegen.

Angesichts der angedeuteten Situation von Kindern und Kindheit in unserer heutigen Gesellschaft erscheint es uns wichtig, für Kinder Orte zu schaffen, an denen sie die Freiheit haben, ihren Bedürfnissen (entdecken, erfinden, spielen etc.) nachzugehen. So können sie Kind sein und sich gleichzeitig in einem angepassten und ansprechend gestalteten Lernumfeld ausprobieren und entwickeln.

Für unser Konzept hat dieses Verständnis auch hinsichtlich lebendiger Demokratie - Erfahrungen einschneidende Konsequenzen. Schule darf in ihrem eigenen Organismus den idealtypischen demokratischen Bedingungen des sozialen Lebens nicht unähnlich sein. Sie ermöglicht einen Spielraum, in dem sich Lernen und Erkenntnis durch Erfahrung – im Sinne einer „embryonic society“ (J. Dewey) ereignen können. Die „denkende Erfahrung“ (J. Dewey) formt den Weg des Menschen, sich selbst und die Welt zu verändern, Erziehung und Demokratie zu bewirken. Folglich kann Erziehung für die heutige Generation nicht heißen, dass z.B. schulische Inhalte „von einem zum anderen weitergegeben werden wie Ziegelsteine“ (J. Dewey). Vielmehr sind das eigene Erkennen sowie das eigene Tun untrennbar mit einer gemeinsamen dialogischen Begegnungskultur verbunden. Mit der Stimme Martin Bubers, „Erziehung ist Beziehung“, lässt sich dieser Gedanke noch um eine weitere Bedeutungsebene ergänzen. Diese Aspekte der Erziehungsphilosophie Deweys (verkürzt als learning by doing bekannt) sind die zentralen Grundlagen der Projektmethode.

Die Oberstufe in Milda stellt sich auf die veränderten Bedingungen von Kindheit und Jugend ein, bietet Räume für Erfahrungen, dialogische Begegnungen und Selbstwirksamkeit. Neue demokratische Formen des Lernens und Bewertens sind wesentlicher Inhalt des Schullebens.

  Freie Ganztagsschule Milda, Dorfstraße 92, 07751 Milda
Telefon +49 (0)36422 63503, Telefax +49 (0)36422 63504